Auenwalder Gewerbegeschichte(n) 4

Auenwald - Apotheke, Gerda Traiser

Talstraße 4, 71549 Auenwald - Unterbrüden

 

Nachtdienst in Unterbrüden

Mit Gerda Traiser einen Termin zu vereinbaren ist nicht einfach. Neben dem beruflichen Engagement gibt es viele weitere Aktivitäten. Pragmatisch schlägt die Apothekerin vor, dass ich Sie während Ihres Bereitschaftsdienstes besuchen soll.
Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt komme wartet Frau Traiser schon und lässt mich ein. Wie immer beginne ich das Gespräch mit Fragen nach Kindheit, Jugend und Ausbildung. Meine Gesprächspartnerin berichtet vom Aufwachsen in Niedersachsen und der Schulzeit am Gymnasium in Groß Ilsede.

Sie erzählt von ihrem Studienwunsch Geschichte und Archäologie und der ablehnenden Haltung ihres Vaters der „kein Geld für brotlose Kunst" in die Ausbildung seiner Tochter investieren wollte.

Wir sind noch nicht mal bei der Studienzeit, als es das erste Mal klingelt. Eine weibliche Stimme beklagt sich, dass die Apotheke geschlossen ist. Ich bin mit Notizen beschäftigt und bekomme nicht viel mit. Aber ich habe den Eindruck dass hier jemand in erster Linie Unterhaltung sucht.

Nach kurzer Zeit setzen wir das Gespräch fort. Gerda Traiser berichtet unspektakulär wie sie, nach zweijährigem Praktikum in einer Braunschweiger Apotheke, dann zum Studium der Pharmazie nach Mainz ging. Private Umstände haben die approbierte Apothekerin später nach Allmersbach i.T. verschlagen.

Wir schweifen vom eigentlichen Thema u.a. zur Gesundheitspolitik ab, als es wieder an der Apothekentür klingelt. Eine Dame verlangt Brandsalbe. Frau Traiser fragt nach den Hintergründen. Nach einem intensiven Beratungsgespräch am Notdienstschalter geht die Frau, mit sterilem Verbandsmaterial und dem dringenden Rat an den nicht mitgekommenen Patienten einen Arzt aufzusuchen, wieder zurück zu Ihrem Auto.

Der Einschnitt durch diese Unterbrechung ist hilfreich und ermöglicht es uns wieder zum Thema zurückzukommen. Gerda Traiser erzählt von Ihrer Tätigkeit in der Apotheke in Allmersbach i.T. bis Gründung der Auenwald-Apotheke 1993. Der damalige Bürgermeister Friedrich wollte die Versorgung im seinerzeit apothekenlosen Auenwald verbessern. Sie ergriff die Gelegenheit und hat es bis heute nicht bereut. Mittlerweile haben in der Auenwald–Apotheke 11 Voll- und Teilzeitarbeitskräfte einen Arbeitsplatz. Aber die Zeit bleibt nicht stehen und Gerda Traiser hat sich u.a. zur Fachapothekerin für Naturheilkunde und Homöopathie fortgebildet. Ein Gebiet das sie persönlich besonders interessiert und ihr viel Freude macht. Überhaupt ist ständige Weiterqualifizierung Pflicht. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Zertifizierung eines Qualitätsmanagementsystems in der Auenwald – Apotheke im nächsten Jahr.

Die Hobbyaktivitäten meiner Gesprächspartnerin stehen als nächstes auf meiner Liste. Ich weiß von ihrem Engagement in der Theatergruppe der „Gruschtelkammer". Wegen ihrer dialektfreien Aussprache hat sie dort als Souffleuse begonnen. Heute spielt Sie mit viel Spaß weibliche Haupt- und Nebenrollen und engagiert sich generell für die Kultur in Auenwald.

Diesmal unterbricht uns das Telefon. Aus den Antworten der Apothekerin kann ich entnehmen, dass der Anrufer Rat wegen der Erkältung eines Kindes sucht. Auch diese Beratung dauert länger und mehrfach wird der Anrufer davor gewarnt, seinem Kleinkind ein zufällig in seiner Hausapotheke befindliches Medikament für Erwachsene zu verabreichen.

„Wir müssen oft viel fragen und das dauert manchmal. Schließlich sind wir die letzte Kontrollinstanz, dass der Patient auch das richtige Medikament bekommt, Patientenschutz ist eine hohe Verantwortung" schließt Frau Traiser unser Gespräch ab. Als sie mich zur Nebentüre wieder hinauslässt wünsche ihr noch eine ruhige Notdienstnacht. Ja denke ich, sie hat recht. Ich überlege ob Internetapotheken das auch leisten können? Mir bleiben Zweifel nach knapp zwei Stunden Notdienstbegleitung in einer ansonsten ganz normalen Nacht in Auenwald.

 

Otfried Jaus